Neue Formen des Wissenschaftlichen Publizierens

Aus dem Zwischenbericht:

Poster1Das Projekt untersucht den Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems im Hinblick auf das soziale Handeln der beteiligten Akteure (Wissenschaftler, Plattformbetreiber, Bibliotheken, Verlage) im Kontext struktureller und institutioneller Veränderungen. Analysiert werden die Funktionsweise internetbasierter Publikationsformen aus der Perspektive der Wissenschaft, Voraussetzungen und Implikationen ihrer Ausbreitung und das Verhältnis zwischen der Wissenschaft und den kommerziellen Verlagen. Im Einzelnen werden folgende Aufgabenschwerpunkte bearbeitet:

  • Analyse und Beschreibung der Funktionen, die internetbasierte Plattformen beim wissenschaftlichen Publizieren erfüllen
  • empirische Studien zur Veränderung von Publikationsstrategien wissenschaftlicher Autoren unter besonderer Berücksichtigung der neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet
  • Analyse der Veränderung des institutionellen Gefüges und der Beziehungen den beteiligten Akteuren aus Wissenschaft und Verlagen.

Poster2Die bisherigen Untersuchungen ergeben ein differenziertes Bild der neuen Publikationsplattformen im Internet. Bei Internetbasierten Publikationsplattformen mit Open Access sind zwei grundlegend verschiedene Entwicklungspfade zu unterscheiden:

  • Self-archiving-Plattformen (die sogenannte „green road“) sind nicht als Alternative, sondern komplementär zu den Publikationen der Verlage zu sehen. Autoren stellen Aufsätze kostenfrei im Internet zur Verfügung, die auch in konventionellen Journalen, Tagungs- und Sammelbänden oder Monografien veröffentlicht werden (entweder als Preprint oder als Postprint auf Internet-Archiven oder Homepages). Die Initiatoren bzw. Betreiber solcher Plattformen kommen aus der Wissenschaft: etablierte Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Fachgesellschaften oder andere Scientific Communities. Die Finanzierung erfolgt meist im Rahmen der Tätigkeit dieser Einrichtungen, in der Startphase häufig unterstützt durch Mittel der Wissenschaftsförderung. Ihre Zielsetzung konzentriert sich auf den kostenfreien Zugang sowie  neue Recherchemöglichkeiten, sie führen keine eigenständige Qualitätsprüfung durch.
  • Open Access Journale (die sogenannte „golden road“) sind als Alternative zu den kostenpflichtigen Publikationen der Verlage entstanden. Sie führen eigenständige Selektions- und Qualitätsprüfungsverfahren durch und konkurrieren mit den klassischen Journalen um Autoren und Leser. Dabei bedienen sie sich weitgehend der gleichen Methoden zur Qualitätsprüfung (peer review) wie klassische Verlage, allerdings entwickeln sie diese in ihrem Sinne weiter. Viele Open Access Journale veröffentlichen die eingereichten Manuskripte (als Preprint), dokumentieren den Review Prozess und beziehen die Leser durch Diskussionsforen ein.

Poster3Für beide Entwicklungspfade gibt es erfolgreiche Beispiele; Publikationsplattformen, denen es gelungen ist, sich in „ihrer“ Scientific Community zu etablieren. Doch diese Beispiele lassen sich nicht umstandslos auf andere Fachdisziplinen übertragen. Viele Open Access Plattformen (green“ als auch „gold road“) haben Probleme sich bei Autoren und Lesern zu etablieren. Erfolgreich sind offenbar die Fälle, in denen das Konzept der internetbasierten Publikationsplattform zur spezifischen Publikationskultur dieser Scientific Community passt (z.B. das Preprint-Archiv ArXiv.org zu Preprint-Publikationskultur der Physiker). In anderen Fällen dominieren weiterhin die etablierten Journale der Verlage.
Die großen Wissenschaftsverlage können sich auch in der Umbruchphase des wissenschaftlichen Publizierens auf die Reputation ihrer etablierten Journale (Impact Faktor, Citation Analyse) stützen. Diese vertreiben sie nun (auch) über das Internet oder integrieren sie in kostenpflichtige internetbasierte Publikationsplattformen.
Für den wissenschaftlichen Autor ist die Publikation in einem anerkannten Journal ein unerlässliches Zertifikat für wissenschaftliche Qualität, das durch systematisches Ranking von Zitationen bibliometrisch untermauert wird. Der zunehmende Einsatz von LoM-Systemen (leistungsorientierte Mittelvergabe) an Universitäten verstärkt die Bedeutung der Publikationen für berufliche Karrieren, Status und Ressourcen im Wissenschaftssystem.
Dieser Zusammenhang spiegelt sich in den Publikationsstrategien von Autoren wider. Erste Ergebnisse der sekundäranalytischen Auswertung einer repräsentativen Befragung der DFG zeigen, dass fast die Hälfte der Wissenschaftler schon einmal auf einer Open Access Publikationsplattform veröffentlicht hat. Allerdings verändert sich damit die Publikationsstrategie von Autoren keineswegs grundlegend:

  • Poster4ein Viertel aller Autoren stellt Postprints eigener Aufsätze auf entsprechenden Internetplattformen bereit, also Aufsätze, die bereits in einem etablierten Journal erschienen sind
  • der bevorzugte Ort für solche Postprints sind die eigene Homepage, die des Instituts oder ein diziplinspezifisches Internetarchiv, also Internetplattformen, die von den Autoren allgemein benutzt werden
  • der Anteil der auf Open Access-Plattformen zugänglichen Aufsätze an allen veröffentlichten Aufsätzen des jeweiligen Autors liegt im Durchschnitt (noch) unter 10% in einem  Open Access Journal haben 13% aller Autoren publiziert

 

Aus dem Projektantrag:

Mit dem Internet eröffnen sich neue Möglichkeiten wissenschaftlichen Publizierens, die zunehmend als Alternative zu Fachzeitschriften und -verlagen diskutiert werden. Das Projekt untersucht die Funktionsweise, Voraussetzungen und Implikationen dieser neuen Formen für das Wissenschaftssystem. Die Ausgangsthese ist, dass die Ausbreitung der neuen Formen des wissenschaftlichen Publizierens und die Reichweite hiervon ausgelösten Veränderungen auch davon abhängen werden, ob es zur Herausbildung alternativer Institutionen kommt, welche die für das Wissenschaftssystem zentrale Funktion der Selektion und Qualtiätssicherung übernehmen.

Die wissenschaftliche Publikation spielt eine zentrale Rolle im Wissenschaftssystem, erst die durch die Publikation abgesicherte Nachvollziehbarkeit und Wiederholbarkeit neuer Erkenntnisse und Erfindungen erhebt diese in den Rang objektiven wissenschaftlichen Wissens. Zugleich hat Wissensproduktion in weiten Teilen kumulativen Charakter, denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse basieren immer auch auf der Nutzung, Reproduktion und Neugruppierung bestehenden wissenschaftlichen Wissens. Wissenschaftliche Publikationen stellen den Zugang zu diesem Wissen sicher. Rund um diese zentralen Funktion der wissenschaftlichen Publikation rankt sich ein dichtes Geflecht dem Wissenschaftssystem immanenter Institutionen und Normen, die die Publikationsstrategien der Wissenschaftler steuern und die sich komplementär ergänzen mit vornehmlich über Fachverlage organisierten kommerziellen Wegen der Wissensdistribution.

Die zentrale Rolle wissenschaftlicher Fachzeitschriften und -verlage bei der Wissensdistribution wird durch die neuen Wege der Wissensditribution im Internet in Frage gestellt. Triebkräfte für wissenschaftliche Publikationen im Internet sind nicht nur die Möglichkeiten neuer IuK-Technologien, sondern auch Unzulänglichkeiten des herkömmlichen Pub ikationssystems. Die zentrale Rolle, weil sie mit der Beschleunigung der Produktion wissenschaftlichen Wissens auf Grund der ihnen eigenen Verzögerungen im Veröffentlichungsprozess nur unzureichend Schritt halten können. Gegenstand der Kritik sind die langen Zeiträume zwischen Einreichung und Veröffentlichung von Beiträgen, die durch das Review-Verfahren, aber auch die begrenzte Seitenzahl und die thematischen Schwerpunkte von Zeitschriften bedingt sind. Hohe Ablehnungsquoten der wichtigen Zeitschriften verschärfen die negativen Folgen dieser Verzögerungen für die Autoren. Die Institution der Peer Review als Instanz für die Selektion und Qualitätssicherung wird zunehmend als Nadelöhr im etablierten Publikationssystem wahrgenommen. Zweifel richten sich dabei neben der unzureichenden Fähigkeit zur quantitativen Bewältigung der wachsenden Zahl eingereichter Publikationen auch auf die Objektivität und Zweckmäßigkeit dieses für die Wissensselektion, Qualitätskontrolle und den Reputationserwerb zentralen Mechanismus. Die von den Verlagen praktizierte Organisation der Peer Review scheint unter dem Druck der steigenden Anforderungen Glaubwürdigkeit und Akzeptanz einzubüßen. Noch schärfer ist allerdings die Kritik an den Verlagen in Bezug auf ihre Rolle beim Zugang zu den Publikationen. Zum einen haben die oben beschriebenen Verzögerungen zu Folge, dass sich für Wissenschaftler und Öffentlichkeit die Verfügbarkeit neuen Wissens verzögert. Darüber hinaus sehen sich die Wissenschaftler mit einer sich verschlechternden Versorgung mit aktuellen Publikationen konfrontiert, die auf eine monopolistische Preispolitik der Verlage zurückgeführt wird. Die Verlage wälzen steigende Kosten auf die Nachfrager nach wissenschaftlichen Ergebnissen ab. Mit der Folge, dass sich Bibliotheken, Universitäten und Forschungseinrichtungen immer weniger in der Lage sehen ihren Wissenschaftlern den Zugang zu den Publikationen zu gewährleisten. Trotz - oder gerade wegen - der zunehmenden Wissensproduktion wird der Zugang zu dem produzierten Wissen für die Produzenten schwerer. Diese Entwicklung steht in krassem Widerspruch zu den neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Publizierens, die nicht nur schnellere Verbreitung, kostengünstigere Distribution sondern auch einfacheren Zugang versprechen.

Es ist allerdings die Frage, inwieweit neue Formen wissenschaftlichen Publizierens auf der Grundlage des Internet die etablierten Publikationsformen in erster Linie erweitern und ergänzen oder inwieweit sie darüber hinaus in der Lage sein werden, die Funktionen von Fachzeitschriften und -verlagen für das Wissenschaftssystem zu substituieren. Wissenschaftliche Publikationen im Internet können sich auf die bestehenden Institutionen des Publikationssystems beziehen, sie bieten Lösungsansätze, die geeignet sind deren Defizite auszugleichen. Davon zu unterscheiden sind virtuelle Publikationen, die auf alternativen Modellen der Institutionalisierung basieren. Diese Modelle treten möglicherweise neben die etablierten Institutionen oder in Konkurrenz zu ihnen. Eine dritte Form sind virtuelle Publikationen, die in keinem unmittelbaren Bezug zu den etablierten Institutionen des Publikationssystems stehen, also neben und unabhängig von ihnen existieren, beispielhaft hierfür sind die Homepages etablierter Forschungseinrichtungen mit einem in sich wohl strukturierten Angebot unterschiedlich abgestufter Publikationsformen.

Typische Beispiele für Publikationsformen im Internet, die sich auf die bestehenden Institutionen beziehen, sind Preprint und Postprint Archive. Letztere setzten den erfolgreich durchlaufenen Prozess der traditionellen Qualitätssicherung voraus, sie ergänzen durch ihr Angebot die Zugangsmöglichkeiten des Verlages bzw. gleichen Zugangsbeschränkungen aus. Preprint Server beziehen sich in weniger offensichtlicherer Weise auf das etablierte Peer Review. Die auf ihnen abgelegten Aufsätze werden unterschieden in non reviewed und reviewed, d.h. der Status der Aufsätze innerhalb des klassischen Publikationssystems ist ein Statusmerkmal der Dokumente auf dem Server. Man könnte zwar einwenden, dass für die Kategorie der non-reviewed Aufsätze die Qualitätskriterien des Peer Review nicht gilt, allerdings ist dies nur oberflächlich betrachtet so. Da die Autoren anstreben ihre Aufsätze in Fachjournalen zu veröffentlichen, werden die Qualitätskriterien des Peer Rewiew von diesen weiterhin antizipiert, so die These einiger Experten.

Es lassen sich bereits heute einige Modelle virtueller Publikationen beschreiben, die alternative Institutionen für die Selektion und Qualitätssicherung beinhalten. Ob diese Modelle sich durchsetzen, welche Reichweite sie erhalten und ob es in Zukunft weitere Modelle geben wird, ist derzeit noch offen. Das am weitesten entwickelte und realisierte Modell ist eines, bei dem der Autor (bzw. seine Instititution) für ein transparentes und professionelles Peer Review Verfahren bezahlt. Der Leser hat dafür einen freien, kostenlosen Zugriff. Untersuchungen zeigen, dass die einfacher und schneller zugänglichen Aufsätze in e-journalen tendenziell höhere Zitationsraten erzielen, als Print-Aufsätze. Ein anderes Modell für die Qualitätssicherung wird von vor allem von Bibliotheksverlagen und -initiativen verfolgt. Dabei geht man von einem Stufenweisen oder verteilten Verfahren des Peer Review aus: die erste Stufe ist die Institution des Autors, die nächste die Universität und die eine dritte Stufe internationale Experten.

Die zugrundeliegende Annahme des Teilprojektes geht davon aus, dass auch eine- wie auch immer organisierte, auch partielle - Substitution der Rolle der Fachverlage abhängen wird, ob und inwieweit es zur Herausbildung alternativer Institutionen kommt, welche die für das Wissenschaftssystem neben der Wissensdistribution zentralen Funktionen der Selektion und der Qualitätssicherung übernehmen. Dabei müssen neue Formen wissenschaftlichen Publizierens in etablierte Mechanismen zur Produktion von Reputation integriert werden, wenn sie anerkannt werden sollen. Offen ist auch, in welcher Weise neue Formen wissenschaftlichen Publizierens das institutionelle Gefüge, in dem wissenschaftliches Publizieren bislang stattfindet - mit klaren Abgrenzungen zwischen Institutionen wie den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Universitäten, Verlagen und Bibliotheken - verändern werden und ob es auch in dieser Hinsicht zur Herausbildung neuer Institutionen kommen wird.

Im einzelnen werden im Projekt folgenden Fragestellungen behandelt:

Analyse und Beschreibung der Funktionen, die neue, internet-basierte Plattformen für wissenschaftliches Publizieren im Wissenschaftssystem einnehmen. Dieses Ziel wird in enger Kooperation mit einem Projekt der Universitätsbibliothek Göttingen im Rahmen des Projektverbundes Mediaconomy verfolgt. Dabei geht es neben der Übernahme von Funktionen der Wissensdistribution und der Sicherstellung des Zugangs zu Publikationen auch um die Frage, wie auf Grundlage dieser Plattformen die Selektion und Qualitätssicherung von Publikationen organisiert ist und ob sich alternativ zum klassischen Peer-review-Verfahren neue Organisationsformen herausbilden.

Die Bedeutung neuer, internet-basierter Plattformen für das wissenschaftliche Kommunikationssystem hängt auch davon ab, welche Rolle und welchen Stellenwert sie in den Publikationsstrategien der Autoren einnehmen. Hierfür ist von Bedeutung, welche Möglichkeiten des Reputationserwerbs mit der Nutzung dieser Plattformen verbunden sind, aber auch, welchen Stellenwert Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess erhalten, die nicht die Form des klassischen Zeitschriftenbeitrags haben. Ziel des Teilprojekts ist die Analyse und Beschreibung der Nutzung der genannten neuen Plattformen in den Publikationsstrategien von ausgewählten WissenschaftlerInnengruppen in ausgewählten Disziplinen.

Die in der Vergangenheit klaren Abgrenzungen in den Rollen- und Funktionszuweisungen der beteiligten Institutionen (wie wissenschaftliche Fachgesellschaften, Universitäten, Verlage und Bibliotheken) werden durch die Möglichkeiten des Internet und der neuen IuK-Techniken in Frage gestellt. Beispielsweise liegen Initiativen von Universitäten und Bibliotheken zu neuen Formen wissenschaftlichen Publizierens (wie GAP, FIGARO oder ProPrint) quer zu den herkömmlichen institutionellen Abgrenzungen. Ziel des Teilprojekts ist die Analyse der Veränderung des institutionellen Gefüges wissenschaftlichen Publizierens und die Beschreibung von Ansätzen zur Herausbildung neuer Institutionen in diesem Gefüge.